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Mit der Moral ist das so eine Sache…

Das haben Sie bestimmt auch schon erlebt: Am Supermarkt neben den Einkaufswagen bettelt eine Frau. Sie gehen vorbei und denken: Bei dieser Kälte sitzt die arme Frau da und hält die Hand auf. Ob es ihr wirklich so schlecht geht? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie jemand geschickt, dem sie das Geld abliefern muss. Wie auch immer, eine arme Frau ist sie allemal. Ich kann den Sachverhalt nicht klären, die Bedürftigkeit nicht feststellen, trotzdem habe ich von jetzt an mit dieser Frau zu tun. Während ich durch den Supermarkt gehe, vielleicht anlässlich der Festtage besonders feine und teurere Sachen kaufe als sonst, denke ich – ob ich will oder nicht – an sie. Zweifellos gibt es in unserem reichen Land, viele arme Leute, Familien, die das Geld zusammenhalten und auch an Weihnachtsgeschenken für die Kinder sparen müssen, Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, die nicht rundkommen und nicht wissen, wie lange sie noch Arbeit haben. Das mag an Beispielen genügen.

So kurz vor Weihnachten sind wir empfänglich für traurige und frohe Botschaften. Da hat die Moral Hochkonjunktur. Und wir spenden auch viel für gute Zwecke. Mit schöner Regelmäßigkeit wird uns das auch immer wieder attestiert. Nein, der Spruch „Tu' Gutes und rede darüber!“, ist gar nicht so schlecht, wie er manchmal gemacht wird. Und dass ich mir mit meiner Familie etwas leisten kann, was andere vielleicht nicht können, sollte mich nicht traurig machen. Es fehlt aber auch nicht an – womöglich sogar wohl meinenden – Mahnern, die jedweden Luxus als überflüssig und moralisch bedenklich anprangern. Von solchen Moralin gesäuerten Ermahnungen kann einem allerdings auch schlecht werden.

Es ist nicht einfach. Fest steht, dass dem, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe, besser nicht zu trauen ist. Es kommt wieder einmal aufs Selberdenken, Nachdenken und Vorausschauen an. Und mit der Moral ist es wie mit der deutschen Rechtschreibung: Ganz sicher ist keiner! Um mehr Klarheit in schwierigen Situationen zu bekommen, hat es immer schon geholfen, sich mit anderen zu verständigen: dem Partner oder der Partnerin, Freundinnen und Freunden, durchaus auch Fachleuten. Und trotzdem: Garantie, dass alles richtig gemacht wird, wenn man guten Ratschlägen folgt, gibt einem keiner.

Nicht anders verhält es sich mit den Tipps, die wir Ihnen in diesem Jahr gegeben haben. Gewiss, wie wollen Ihnen helfen, Energie und Geld zu sparen, die Umwelt zu schonen, vernünftig mit Ressourcen umzugehen usw. Vielleicht helfen wir Ihnen damit auch, ein gutes Gefühl zu haben. Möglicherweise ist so ein gutes Gefühl das Beste, was zu haben ist. Letzte Gewissheit, dass der Umweltschutz, den sie in Ihren Alltag integriert haben, tatsächlich hilft, die gravierenden Probleme unseres Planeten zu lösen, gibt es nicht. Aber die Lage ist nicht aussichtslos, und wir sind nicht hilflos.

„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es!“, hat Erich Kästner das grundlegende Problem der Moral auf den Punkt gebracht. Machen Sie doch einmal an einem Tag, nicht aus Prinzip, sondern eher versuchsweise, mal etwas, das Sie bisher noch nicht gemacht haben, von dem Sie aber nach guter Überlegung glauben können, dass es gut ist. Beispiele gefällig? Helfen Sie mal Ihrem Nachbarn, trinken Sie mal nur Leitungswasser, schweigen Sie mal, fahren Sie kein Auto, machen Sie nur Sachen, die Ihnen Freude bereiten oder die jemand anderem Freude bereiten, oder machen Sie das, was Sie schon lange aufschieben und so weiter und so fort. Machen Sie sich selbst Vorschläge und setzen Sie mal einen davon in die Tat um! - Dann werden Sie ja sehen bzw. spüren, was für ein Gefühl Sie haben. Mit energieeffizienten Verbraucherverhalten oder dem ganz privaten Umweltschutz verhält es sich genau so – unabhängig davon, was letztlich an messbarem Erfolg dabei herauskommt.

Einfacher, alltagstauglicher Test: Ich schenke der frierenden Frau den Euro aus meinem Einkaufswagen. Sie bedankt sich und wünscht mir frohe Weihnachten.


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